Familienpolitik: mehr als Kita oder Knete

Kindergeld oder Kitaplätze? Das EU-Parlament hat europäisch verglichen: Eltern bekommen mehr Kinder, wo sie sowohl Geld als auch Betreuungsplätze kriegen. Und wenn Unternehmen und Väter mitmachen. Kurz: Man braucht ein Gesamtkonzept

AUS BRÜSSEL
DANIELA WEINGÄRTNER

Die in Deutschland derzeit heiß umstrittene Frage: Krippenplätze oder Kindergeld? ist anderswo in Europa längst entschieden. In Norwegen zum Beispiel lautet die Antwort: Sowohl als auch. Die Details, die der norwegische Ökonom Vegard Skirbekk gestern in Brüssel bei einer Anhörung präsentierte, klingen für deutsche Ohren nach Schlaraffenland: Wer das Baby zu Hause betreut, erhält zehn Monate lang den vollen Lohn vom Staat oder ein Jahr lang 80 Prozent des Gehalts.

Danach gibt es statt der deutschen Scheindebatte echte Wahlfreiheit: einen Krippenplatz für alle Eltern, die das möchten. Wer sich für ein Tagesmuttermodell entscheidet oder selbst zu Hause bleibt, bekommt 405 Euro Betreuungsgeld bis zum Ende des dritten Lebensjahrs. Kindergeld wird zusätzlich gezahlt: 119 Euro monatlich pro Kind. Alleinerziehende erhalten das Doppelte.

Die Anhörung gestern befasste sich vor allem mit der Frage, wie jüngere Frauen ermutigt werden können, Kinder zu bekommen, und wie sich Ausbildung und Familiengründung besser vereinbaren lassen. Denn Schwangerschaften vor dem 30. Geburtstag bedeuten ein deutlich geringeres Gesundheitsrisiko für Mutter und Kind. Hinzu kommt, dass viele Frauen, die während des Studiums schwanger werden, eine Abtreibung vornehmen lassen, weil sie sich der Situation nicht gewachsen fühlen. Auch das beeinträchtigt die Chance, später Kinder bekommen zu können.

Auch hier, wen wundert es, sind die Nordländer Spitzenreiter. In Schweden bekommen 41 Prozent der Frauen ihr erstes Kind, bevor sie mit der Ausbildung fertig sind. In Norwegen und Finnland ist das immerhin bei jeder dritten Frau der Fall. In Österreich, Deutschland, Griechenland, Italien und Spanien macht der Anteil ungefähr 12 Prozent aus. Das Schlusslicht bilden Frankreich mit 9 und Belgien mit 4 Prozent.

Zahlreiche Studien zeigen, dass der Kinderwunsch bei gut ausgebildeten Frauen nicht schwächer ausgeprägt ist als bei denen mit Hauptschulabschluss. Doch bei Frauen, die eine lange Ausbildung durchlaufen haben, bleibt der Plan, eine Familie zu gründen, häufig auf der Strecke. In Westeuropa haben Frauen ohne jede Ausbildung 2,24 Kinder, gut ausgebildete Frauen 1,54.

Skirbekk und sein österreichischer Co-Autor Wolfgang Lutz plädieren deshalb für eine "Tempo-Politik", die auf deutlich kürzere Ausbildungszeiten zielt. Da Frauen, die ihr erstes Kind sehr früh bekommen, im Schnitt mehr Kinder gebären als diejenigen, die spät anfangen, würde die Geburtenrate bei Akademikerinnen deutlich ansteigen. Bezogen auf das Bundesland Bayern prognostizieren die Forscher die Entwicklung so: Wenn Schul- und Ausbildungssystem unverändert bleiben, werden in Bayern im Jahr 2050 56.000 Babies geboren. Wenn die Ausbildung im Schnitt um zwei Jahre verkürzt werden kann, kommen 87.000 Kinder zur Welt.

Voraussetzung ist natürlich, dass auch die sozialen Rahmenbedingungen stimmen. Wie Claudia Menne vom DGB in der Anhörung betonte, müssen die Sozialpartner in die Pflicht genommen werden. Nicht nur finanzielle Förderung junger Familien, sondern auch Krippen in Arbeitsplatznähe, familienfreundliche Arbeitszeiten und Spielräume für Auszeiten müssen vorhanden sein. Auch die Rolle der Väter muss sich ändern. Wie kürzlich in einer europaweiten Studie ermittelt wurde, übernehmen Männer von Malta über Deutschland bis Spanien weiterhin nur einen winzigen Teil der Familienarbeit. Die positive Ausnahme sind auch hier - unsere Nachbarn im Norden.

taz Nr. 8213 vom 28.2.2007, Seite 7, 121 TAZ-Bericht DANIELA WEINGÄRTNER

Contrapress media GmbH
Vervielfältigung nur mit Genehmigung des taz-Verlags

zurück