Klaus Störch (Ossietzky)

Auch McKinsey hilft den Armen



(05.03.2007) Tafeln haben Konjunktur. Kaum eine andere soziale Einrichtung in der Bundesrepublik wächst so schnell.
Die Idee kommt aus den Vereinigten Staaten.


In Phoenix (Arizona) gründete John van Hengel in den 1960er Jahren die erste Tafel nach einem denkbar einfachen Konzept: Qualitativ einwandfreie Lebensmittel, die marktwirtschaftlich nicht mehr zu verwerten sind, werden an Bedürftige verteilt.

»Die Tafeln helfen diesen Menschen, eine schwierige Zeit zu überbrücken, und geben ihnen dadurch Motivation für die Zukunft«, heißt es in den Grundsätzen des Bundesverbandes Die Tafeln e.V.

In Berlin entstand 1993 die erste Tafel. Gegründet wurde sie von der Sozialpädagogin Sabine Werth (Initiativgruppe Berliner Frauen e.V.). Mittlerweile gibt es in Deutschland über 630 Tafeln. Ungezählt sind die lokalen Initiativen mit Namen wie »Brotkorb« oder »Brosamen«, die nicht dem Bundesverband angeschlossen sind. Vor allem seit Einführung des 4. Gesetzes für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt (vulgo Hartz IV) zum 1. Januar 2005 ist die Zahl der Tafelneugründungen steil gestiegen. Zwischen Januar 2005 und Dezember 2006 nahmen 230 Lebensmittelausgabestellen ihre Arbeit auf. Und sie vermehren sich weiter.

Das Projekt lebt von Ehrenamtlichkeit. Ohne soziales Engagement könnten die vielen Tausend Tonnen Lebensmittel nicht bei den Großmärkten, Discountern, Einzelhändlern und Bäckereien abgeholt, sortiert und ausgegeben werden. Bundesweit wirken inzwischen um die 30.000 »Ritter der Tafel(runde)n« daran mit. Bemerkenswert ist, wieviel Zeit die Freiwilligen aufbringen: durchschnittlich 14 Stunden in der Woche.

Aber warum ist dieses Projekt so erfolgreich? Weil alle Beteiligten »Gewinn« daraus ziehen. Die Supermärkte und Discounter können die Ware, die nicht mehr verkauft werden kann, abschreiben, mit ihrer sozialen Verantwortung werben und gleichzeitig die Entsorgungskosten minimieren. Den Initiatoren und Helfern von Lebensmittelausgaben und Suppenküchen ist ebenfalls Anerkennung sicher: Tafeln haben ein hohes gesellschaftliches Ansehen.

Anerkennung kommt vor allem von denen, die den Rückbau des Sozialstaats und die Zunahme von Armut politisch zu verantworten haben. Sie singen das Hohelied auf das Ehrenamt. Es überrascht deshalb nicht, daß Familienministerin Ursula von der Leyen die Schirmherrschaft beim Bundesverband übernommen hat und daß Bundespräsident Horst Köhler gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, Anfang Februar zu einem Benefizkonzert zugunsten der Tafeln in die Berliner Philharmonie einlud. Man muß sie lieb haben, die Tafeln und ihre Helfer.

Auf die Frage, welche Motive die freiwilligen Helferinnen und Helfer zum Engagement bewege, antworteten viele, daß ihnen die Tätigkeit »persönliche Zufriedenheit« verschaffe, da sie »etwas Sinnvolles« tun könnten, denn sie sähen, »daß die Hilfe dort ankommt, wo sie hingehört«. Lebenssinn als Gewinn.

Die 480.000 Tafelkunden freuen sich über die Entlastung ihres Geldbeutels. Der Regelsatz beim Arbeitslosengeld II und beim Sozialgeld sieht täglich nur 4,02 Euro für Ernährung und Getränke vor. Davon entfallen 88 Cent aufs Frühstück und jeweils 1,57 Euro auf Mittag- und Abendessen. Ohne Lebensmittelausgabe wäre der Speisenplan noch karger. Das gilt vor allem für Alleinerziehende und Familien mit mehreren Kindern.

Doch ei Arbeitslose und Sozialgeldempfänger stehen allemal unter Mißbrauchsverdacht. Wer einen Berechtigungsausweis bekommen will, muß seine Bedürftigkeit nachweisen. Dazu reicht in der Regel die Vorlage des ALG-II- oder Sozialhilfebescheides oder die Befreiung von der Rundfunkgebühr. Rentner oder Lohnabhängige mit geringem Einkommen müssen Einkommensnachweise vorlegen. Als Obergrenze gilt die EU-Armutsgrenze (derzeit 950 Euro).

Unterstützt werden die Tafeln von zahlreichen kapitalkräftigen Sponsoren. Dazu zählen DaimlerChrysler, der Reifenhersteller Continental, Norddeutsche Landesbank, Gruner & Jahr, um nur einige zu nennen. Auch der große Unternehmensberater McKinsey – führend bei Rationalisierung und Personalabbau – kümmert sich so um die Opfer der Arbeitsplatzvernichtung. Rührend. Jedenfalls beruhigend fürs Gewissen.

Die Zukunft der Tafeln, die vom Spiegel einmal als »die größte soziale Bewegung der 90er Jahre« gelobt wurden, ist unschwer zu prognostizieren. Bereits jetzt ist festzustellen, daß die Zahl der Natural- und Sachspenden sinkt (die Ursachen hierfür liegen in der verbesserten Kalkulation der Lebensmittelmärkte, aber auch in der Wettbewerbsituation der Tafeln untereinander), während die Zahl der Armen und Bedürftigen, die in die Listen der Bezugsberechtigen aufgenommen werden möchten, stetig steigt.

Am Beispiel der »Hattersheimer Tafel« im Main-Taunus-Kreis lassen sich die Konsequenzen zeigen: Als die Tafel im März 2006 ihre Arbeit aufnahm, wurden 60 Haushalte, die über einen Bezugsausweis verfügten zweimal wöchentlich mit Lebensmitteln versorgt. Knapp ein Jahr später, im Januar 2007, war die Zahl der berechtigten Haushalte auf über 380 gestiegen. Der Verteilungsmodus mußte geändert werden, jetzt gibt es nur noch einmal in der Woche Lebensmittel. Eine weitere Ausgabestelle ist in der benachbarten Kreisstadt Hofheim geplant. Ähnliches wird aus Kassel berichtet. Die Tafel in der nordhessischen Stadt begann mit der Verteilung von »Kochgütern« zweimal in der Woche; inzwischen ist sie bei einem vierzehntägigen Ausgabeturnus angelangt. Bei über 1000 Tafelkunden ist das kein Wunder.

Die Konkurrenz der Armutsbevölkerung, der Kampf um das knappe Gut unentgeltlicher Lebensmittel wird härter. In der Schlange vor der Ausgabe gibt es sie, die vielzitierte Neiddebatte: Wer bekommt mehr? Steht ihm das eigentlich zu? Deutscher oder Ausländer? Guter oder schlechter Arbeitsloser?

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(05.03.2007) © 2007. Alle Rechte liegen bei den AutorInnen bzw. bei den Publikationen/Verlagen