Die geschrumpften Wohnungen
In Löbau müssen Hartz IV-Betroffene auf Zimmer verzichten 
 
Von Hendrik Lasch 
 

Wer Arbeitslosengeld II bezieht, darf nicht mehr wohnen, wie er will: Die Unterkunft muss angemessen sein. In Löbau verzichten Arbeitslose daher auf ein Zimmer. Die Lösung wirkt grotesk, wird aber angenommen.


Türen, deren Öffnung bei Strafe verboten ist, sind ein beliebtes Motiv in Gruselgeschichten. Wer vor dem früheren Kinderzimmer von Betty Kahlerts großem Sohn steht, wähnt sich eher in einer Groteske. Die Tür, durch deren Scheibe Che Guevara im Großformat lächelt, ist versperrt. Das Zimmer selbst ist verschwunden, aus dem Mietvertrag ebenso wie aus Betty Kahlerts Alltag. Anfangs, sagt sie, habe sie manchmal die Hand auf der Klinke gehabt – und sich dann erinnert, dass die elf Quadratmeter Wohnung für sie nicht mehr existieren.
Natürlich ist der Raum noch da. Davon überzeugt sich Kahlert, wenn sie vertragsgemäß alle paar Tage lüftet. Danach steckt sie den Schlüssel aber wieder weg, um »nicht in Versuchung« zu kommen. Denn nutzen darf sie das Zimmer nicht, nicht einmal, um eine Steckdose zu benutzen. Das wird alle paar Wochen kontrolliert.
Das Zimmer verlor Betty Kahlert, weil sie zuvor ihre Arbeit verlor. Bis 2004 war die 49-Jährige als Lehrerin für Russisch und Kunst beschäftigt, danach unterrichtete sie nur noch einmal sieben Monate als Aushilfe. Das reichte nicht, um sie vor Hartz IV zu bewahren. Seither darf sie nicht mehr wohnen, wie sie will. Die Behörde, die in Löbau »Fachdienst« heißt, zahlt einer Zweier-Bedarfsgemeinschaft 379 Euro für Miete und Heizung. Ihre Vier-Raum-Wohnung aber kostete 436,97 Euro. Was tun? »Im Buschfunk« hörte Kahlert, dass es in Löbau eine Alternative gibt: »Die Wohnung wird passend gemacht.«
Der diesen Satz sagt, heißt Joachim Herrmann und ist Chef des Arbeitslosenverbandes im Landkreis. Der 60-Jährige, der für die Linksfraktion im Kreistag sitzt, beansprucht das Urheberrecht für die Idee mit den versperrten Zimmern. In seinem Büro erklärt der Ex-Offizier die Lage. Er zitiert Paragrafen aus dem Sozialgesetzbuch II, Richtlinien zu »Kosten der Unterkunft« und referiert Regelsätze aus Tabellen. Im Kern geht es darum, dass Empfänger von Arbeitslosengeld II nur eine »angemessene« Wohnung bezahlt bekommen. »Das haben wir uns nicht ausgedacht«, sagt Herrmann, »das hat das Gesetz so gewollt.«
Beim Arbeitslosenverband kennt man sich aus mit den Gesetzen. Mehrere tausend Ratsuchende lassen sich hier jedes Jahr beraten. Das Problem der zu teuren Wohnungen taucht häufig auf: Bis zu 800 Familien im Landkreis müssten mehr Miete bezahlen, als sie vom Amt erstattet bekommen. Ein Dilemma, sagt Herrmann: Umzüge sind teuer, sie führen zum »Verlust des sozialen Umfelds« – und sind oft schlicht unmöglich: »Es gibt nicht genügend kleine Wohnungen.« Also kam er auf die Idee, Zimmer quasi verschwinden zu lassen – Devise: Was nicht passt, wird passend gemacht.
Mittlerweile gibt es allein bei der Wobau Löbau GmbH 95 Mieter, die auf ein Zimmer verzichten. Das sei ein »freiwilliges Angebot«, betont Geschäftsführer Matthias Urbansky, dessen Unternehmen zu den Nutznießern gehört: Zwar verliert es Einnahmen, aber weniger, als wenn die Mieter wegziehen würden. Die Betroffenen sind ebenfalls nicht unglücklich. »Die haben was davon, und ich habe was davon«, sagt Betty Kahlert, die hofft, dass es sich um eine vorübergehende Lösung handelt, »bis es wieder besser wird«.
Freilich: Nicht überall wird die künstliche Wohnungsverkleinerung so pragmatisch betrachtet. Seit das Thema von den Medien aufgegriffen wurde und Journalisten im Dutzend vor Kahlerts verschlossenem Zimmer stehen, gibt es auch Anrufe wie den eines Menschenrechtlers, der ihr eine Klage empfahl. Im Dresdner Landtag stellt die bündnisgrüne Abgeordnete Elke Herrmann fest: »Wenn es nicht so erniedrigend für die Betroffenen wäre, müsste man es als Provinzposse bezeichnen.« Auch auf einem WASG-Parteitag sorgte das Thema kürzlich für Empörung.
Joachim Herrmann kennt die Bedenken. Auch in seiner eigenen Fraktion gibt es Widerstände. Wenn allerdings in Zeitungsberichten von »Behördenirrsinn« die Rede ist, wird er unwirsch. »Der eigentliche Irrsinn«, sagt er, »ist das Gesetz.« Gegen das habe er vehement gestritten, so lange Gelegenheit dazu war. Jetzt müsse man »für die Leute herausholen, was herauszuholen ist«, sagt er. In Löbau sei das möglich, weil der Optionslandkreis gewisse Freiheiten bei der Umsetzung von Hartz IV hat: »Wir dürfen Ideen haben.«
Eine gute Idee braucht womöglich auch Betty Kahlert in naher Zukunft. Ihr zweiter Sohn macht demnächst das Abitur und will dann zur Bundeswehr. Das heißt: Er zieht aus. Dann steht der Lehrerin noch weniger Miete vom Amt zu. Wenn sie keine Arbeit findet, müsste ihre Wohnung noch weiter schrumpfen: »Dann schließen sie mir vielleicht das zweite Zimmer zu.«