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Analyse
Karriere in der Putzkolonne
Die Misstöne im Hohen Lied auf die arbeitende Frau sind nicht zu überhören: Viele Frauen müssen sich mit Niedriglöhnen zufrieden geben, und sie verdienen noch immer weniger als Männer.
VON KATHARINA SPERBER

Frau will, wie schon Loriot wusste, auch was Eigenes haben. Dazu reicht heute ein Jodel-Diplom nicht mehr. Aber ein, zwei Kinder machen sich gut. Dann wird Frau beachtet von der Politik, von der Wirtschaft, von den Bischöfen usw. Das liegt daran, dass sich derzeit zwei Entwicklungen miteinander vereinen: Die Zahl der Deutschen sinkt und die Unternehmen suchen Fachpersonal.

Aber Frau an sich? Ist ein Muster mit geringem Wert. Fangen wir ganz oben an: Weibliche Chefs in Branchen, wo man richtig Patte verdienen kann, muss man mit der Lupe suchen. "Überdurchschnittlich viele Frauen in Führungspositionen", sagt uns eine brandneue Studie, fänden sich jedoch im Einzelhandel und bei personen- und haushaltsbezogenen Dienstleistungen. Das sind in der Praxis jene, die einer Putzkolonne vorstehen oder einen Friseursalon leiten. In Sachsen beispielsweise verdient eine Haarstylistin im ersten Berufsjahr 3,82 Euro brutto in der Stunde. Die Chefin wird also auch nicht den großen Reibach machen.

Das sind übrigens Tariflöhne, ausgehandelt zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften. Womit wir beim Kern des Themas sind. In Wirtschaftszweigen, in denen vor allem Frauen arbeiten, sind die Einkommen arg unter dem Durchschnitt. Und den Gewerkschaften fehlt nicht nur die Kraft, solche Armutslöhne zu verhindern, sie segnen sie sogar noch mit ab.

Da muss man sich nicht wundern, dass insgesamt fast jede dritte vollzeitbeschäftigte Frau zu den Niedriglöhnern zählt; der Anteil der Männer beträgt zehn Prozent. Bezieht man Teilzeit- und Minijobs mit ein, hat das Institut für Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen errechnet, liegt der Frauenanteil am Niedriglohnsektor sogar bei 70 Prozent. 2004 verdienten 39 Prozent der Frauen in Vollzeit unter der Niedriglohnschwelle, das heißt unter 9,83 Euro (West) und 7,15 Euro (Ost). Bleibt die Frage, warum so viele Schulabgängerinnen sich genau für solche Berufe entscheiden, in denen sie wenig verdienen werden. Hier müsste eine ordentliche Berufsberatung ansetzen, aber die muss sich in der Bundesagentur für Arbeit erst mal neu sortieren.

Zu früh gefreut haben sich all jene Frauen, die eine bessere Wahl getroffen haben. Sie bekommen zwar höhere Löhne, haben aber auch schlechtere Aufstiegschancen - selbst wenn sich da in jüngster Zeit einiges zum Positiven entwickelt hat. Unter dem Strich verdienen Frauen in Deutschland aber immer noch weniger als ihre männlichen Kollegen. Die Lohnschere hat sich in jüngster Vergangenheit sogar noch weiter geöffnet. Betrug der Unterschied 1995 bis 2000 noch 21 Prozent, sind es 2003 schon 23 Prozent gewesen. Damit ist Deutschland wieder mal Kandidat für die rote Laterne in Europa; EU-weit sank nämlich der Lohnabstand zwischen Männern und Frauen von 16 auf 15 Prozent.

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Dokument erstellt am 06.03.2007 um 17:16:01 Uhr
Letzte Änderung am 06.03.2007 um 18:24:01 Uhr
Erscheinungsdatum 07.03.2007