Der folgende Text ist dem Buch "Ausgebucht - Mit dem Bühnenbild im Koffer" von Dieter Hildebrandt entnommen.

"Hartzreise"

von Dieter Hildebrandt

Warum heißt Hartz IV Hartz IV? Weil ein Hartz allein nicht so viel Unheil anrichten kann wie vier. Und dazu haben ihn Sozialdemokraten ermuntert. Oder besser gesagt: getrieben. Was heißt Hartz IV nun wirklich? Genaues wusste man nicht, weil immer angenommen wurde, dass es auch eins, zwei oder drei geben wird und dieses Römisch-vier das Endergebnis einer gründlichen Überarbeitung sein könnte, die dann eine verschämte Form eines vorsichtigen Reförmchens sein wird.


Als sich der Vollzugstag näherte, wurde immer klarer, dass Hartz IV ein unverschämter Angriff auf die Intimsphäre des kleinen Mannes ist. Staatlicher Hausfriedensbruch bei Arbeitslosen. Lauschangriff und staatliche Willkür. Wer in Zukunft staatliche Hilfe beansprucht, wird einen sechzehnseitigen Fragebogen auszufüllen haben, in dem er sein Innerstes nach außen kehren muss. Selbst angenommen, er versteht die verschwurbelten, verkurbelten und vermurksten Texte dieser amtsliterarischen Zumutung, muss er sie auch noch ernst nehmen und darf nichts für sich behalten.


Es ist der schamloseste Einbruch in die Intimsphäre des Bürgers seit Bestehen dieser Republik. So unverhohlen hat noch niemand auf dem Rücken der Arbeitslosen herumregiert. So tief hat noch keiner in die Taschen des nackten Mannes gefasst, und so armselig hat noch keine Presse darauf reagiert; so schulmeisterlich gegenüber den Protesten, so von oben herab gegenüber den Einwänden und so feige gegenüber den Vorteilsnehmern unter den Anteilseignern. Zusammen mit dem immer wieder abgestrittenen großen Lauschangriff ist das der große Eingriff in die Privatsphäre der Familie. Und die treuherzige Begründung?


Tja, wer vom Staat Geld haben will, muss eben beweisen, dass er selber keins hat. Schuld an der Lage, in der sich der Sozialstaat befindet, ist jener Teil der Bevölkerung, der sozialen Missbrauch betreibt. Von diesem Teil ausgehend, müssen wir auf den Rest der anderen schließen.


Mit Hartz IV sind vier Millionen Menschen in diesem Lande unter Generalverdacht. Vorverknackt. Auf Bewährung. Tägliche Meldepflicht. Was er hat, muss er verkaufen, wenn er was hat, was er nicht haben darf, wenn er was haben will. Den Schmuck seiner Frau, ein Theaterabonnement, Omas Silber. Und wenn er eine Fremdsprache spricht, wird ihm die als geistiges Guthaben von der Sozialhilfe abgezogen.


Um das alles in den Griff zu bekommen, werden 80 000 Schnüffologen neu eingestellt, die als Staatsvermögensschutzpolizisten die verbotenen Nebeneinnahmen kontrollieren. Der Wohnungsinhaber hat dem Schnüffelinspektor einen Wohnungsschlüssel auszuhändigen, so dass der Beamte zu jeder Stunde Tag und Nacht hinein kann.


Das heißt: Seit dem Eintreten des Ernstfalles von Hartz IV werden vier Millionen Menschen in diesem Lande wie Vorbestrafte behandelt. Seit der Agenda-Messias Schröder, der es nun endlich geschafft hat, den Kniefall von Willy Brandt zu wiederholen, nur an einer völlig anderen Stelle, weiß, dass der Himmel ihm die Aufgabe zuerkannt hat, die deutsche Wirtschaft vor dem Zugriff der kleinen Leute zu retten. Seitdem er den Bossen die Flossen gereicht hat, kommt ihm geschichtliche Bedeutung zu, wird man ihn als jenen nennen, der es erreicht hat, dass Deutschland den Anschluss an die Weltspitze gehalten hat. Die Weltspitze im Sozialabbau.


Seitdem ist klar, dass es auf die Forderung: "Der Deutsche muss wieder mehr arbeiten!" und auf die Rückfrage: "Gern, aber wo? Und was?" nur die Antwort gibt: "Alles! Alles, was zumutbar ist."


So sagt auch der Arbeitsmarktexperte Achim Rothe von der Industrie und Handelskammer: "Alles ist zumutbar." "Alles, was nicht dem Gesetz oder dem sittlichen Anstand widerspricht."


Daraufhin hat die Berliner Straßenreinigung sofort gesagt, man müsse über die Diffamierung des Straßenkehrens durch die Zumutbarkeits-Diskussionen in Berlin nachdenken. Die Sprecherin der BSR, Sabine Thümmler, hat Experten für saubere Straßen aufgeboten, die alle Straßenkehrer in Berlin aufklären sollen über die Diffamierung des Straßenkehrens, die Herabwürdigung des Kehrerberufs. Vom Lehrer zum Kehrer. Was ist dabei?


In Zukunft werden sich Tausende von Berliner Akademikern um einen freien Besen reißen, denn sonst kommt der staatliche Vermögenscontroller mit der Hausfriedensbruchlizenz und prüft die Taschen der Familienangehörigen auf Kleingeld.


Er kann ihnen befehlen, die Hosen herunterzulassen, um prüfen zu können, ob sie nicht etwa zu teuere Unterwäsche anhaben, er kontrolliert den Cholesterinspiegel, ob sie nicht zu fett essen, verhängt Stromsperren bei zu hohem Stromverbrauch, durch überflüssiges Lesen verursacht, oder wenn sie, die Controller, schlechte Laune haben, kommt mal für ein paar Tage kein Tropfen Wasser aus dem Hahn.


Das ist die Rache der Mächtigen für den Ärger, den sie früher mit den Arbeitnehmern hatten, als es noch die Vollbeschäftigung gab. Also ran an die Besen, ihr faulen Säcke! Nach kurzer Zeit werden die Straßen in Berlin so sauber sein wie die Marmorgänge im Bundeskanzleramt. Die Feger werden gar nichts mehr finden zum Wegfegen und müssen sich was hinlegen. Akademiker als Stadtputzer? Zumutbar. Die Schüler werden jubeln.


Da fällt mir eine Szene aus einem Programm der Berliner "Stachelschweine" ein: Der akademische Straßenkehrer (Achim Strietzel) zum Fachmann der Berliner Straßenreinigung (Wolfgang Gruner): "Eine von mir gefegte Straßenseite ist wie eine Prosaseite von Cocteau." Darauf der Fachmann: "Mussn scheenet Schwein sein, der Cocteau."


Und das Neueste ist auch vom Feinsten: In Zukunft wird nach Leistung bezahlt. Das lässt auf ausgleichende Gerechtigkeit hoffen... wenn man sich die Leistung der Manager anschaut. Was natürlich nicht übertrieben werden darf. Wenn man zum Beispiel behaupten würde, die Erfolge und das Jahresgehalt des Daimler-Bosses Schrempp stünden in einem normalen Verhältnis zueinander, wäre man total im Unrecht. Würde man die publizierten sechs Millionen Jahresgehalt in ein Verhältnis zu den 250 Millionen Euro setzen wollen, - die er in den Sand gesetzt hat - überhaupt muss man nach der Bilanz der letzten zehn Jahre, in denen immer wieder deutlich wurde, dass die deutsche Wirtschaft den Hintern nicht hoch kriegen kann, weil der Profit durch die teueren Arbeitnehmer im Arsch ist, was ihn so schwer macht, dass man ihn nicht hoch kriegt, muss man einfach sagen, dass unsere Jung- und Altmanager durch das permanente erfolgreiche Indensandsetzen von Milliarden eines wenigstens erreicht haben: dass der Sand knapp geworden ist, in den man was setzen kann. Und das sind die Leute, die unverschämterweise jetzt den Arbeitnehmern drohen, man werde, wenn sie nicht billiger arbeiten, in Polen produzieren. Denn da funktioniert die Wirtschaft problemloser. Besser.


Polen war ja schon seit den Zeiten Bismarcks die große Sehnsucht der deutschen Spitzenindustriellen. Immer haben sie von der polnischen Wirtschaft geschwärmt. Heute erfüllt sich der Traum: Deutscher Manager mit amerikanischem Jahresgehalt in polnischer Wirtschaft. Leistung muss sich wieder lohnen. Vor allem leicht lohnen. Der deutsche Arbeitnehmer weiß, was man von ihm erwartet. Er soll nicht für den Lebensunterhalt arbeiten. Sondern für die Hälfte.


Alles ist zumutbar. Alles, was nicht dem Gesetz oder dem sittlichen Anstand widerspricht. Managersätze sind also nicht mehr zumutbar.


Ich muss einen Satz über Manager wiederholen, den ich einmal, aber damals zu früh, gesagt habe. Bei dem Wort Manager hatte ich immer gedacht, es handle sich bei diesen Übermenschen um Produkte der Welt-Elite-Schulen, die wie der Geist eines edlen Weines in kostbaren Flaschen aufgezogen werden.


Langsam habe ich den Verdacht, dass sie gar nicht der Geist bei der Sache sind, sondern die Flaschen. Aber gehen Sie zu so einem mal in seine Villa und wollen seine Steuerunterlagen prüfen.


Da beißt Sie der Butler!