ALARMIERENDE STUDIE

In Deutschland entstehen immer mehr Schuldenghettos

Verschuldung, Überschuldung, Verarmung. Einer Studie zufolge bilden sich in Deutschland inzwischen regelrechte Schuldenghettos, in denen besonders viele überschuldete Menschen leben. Dabei gibt es ein deutliches Nord-Süd-Gefälle: besonders betroffen sind Berlin und Bremen.

Düsseldorf - "Der Trend ist besorgniserregend," sagt Helmut Rödl, Vorstand der Wirtschaftsauskunftei Creditreform. Sein Unternehmen stellte heute in Düsseldorf einen Schuldneratlas für Deutschland vor. Demnach liegt die Zahl der überschuldeten Menschen in Deutschland bei 7,2 Millionen Menschen - vor einem Jahr waren es sieben Millionen. Als Quote ausgedrückt heißt das: 10,68 Prozent der Deutschen.

Die Zahl der überschuldeten Haushalte sei auf 3,4 Millionen gestiegen nach 3,1 Millionen vor zwei Jahren. Zwar habe sich das Tempo der Überschuldungszunahme verlangsamt, die Überschuldung balle sich aber zusehends auf krisengeschüttelte Städte und führe quasi zur Entstehung von "Schuldenghettos", sagte Rödl. Immer häufiger führe Verschuldung zu Überschuldung und anschließend zur Verarmung.

Als überschuldet gelten Erwachsene, deren monatliche Gesamtausgaben die Einnahmen übersteigen, wobei mögliche Kredite bereits ausgeschöpft sind.

Schulden sind Männersache

Die überwiegende Mehrheit aller Verschuldungsfälle entfällt auf Männer (66,9 Prozent; Vorjahr: 67,1 Prozent), obwohl sie nur knapp die Hälfte der deutschen Bevölkerung ausmachen. Begründet ist das darin, dass in vielen Fällen der Mann immer noch als "Haushaltsvorstand" fungiert und für Verbindlichkeiten gerade zu stehen hat oder in Schuldenangelegenheiten als formal Verantwortlicher auftritt.

Ein weiterer Trend: Überschuldung wird jünger. Zwar sind die meisten Überschuldeten - 14,7 Prozent - in der Gruppe der 40 bis 49-Jährigen zu finden. Allerdings sind sowohl hier als auch bei den 30 bis 39-Jährigen und den älteren Altersklassen Rückgänge zu verzeichnen. Bei den Jüngeren verläuft der Trend genau entgegengesetzt. Die Zahl der überschuldeten unter 20-Jährigen stieg im Jahresverlauf um 0,3 Prozentpunkte auf 0,9 Prozent - die der 20 bis 29-Jährigen um 0,5 Prozentpunkte auf 8,5 Prozent.

Allerdings war die Schuldenhöhe im Westen im Schnitt deutlich höher als im Osten: Im Westen hatten mehr als die Hälfte der Betroffenen einen Schuldenberg von 10.000 bis 50.000 Euro angehäuft, während die Mehrheit im Osten nur mit 2500 bis 10.000 Euro in der Kreide stand.

Die höchsten Schuldnerquoten weisen der Studie zufolge die Bundesländer Bremen, Berlin und Sachsen-Anhalt auf, die niedrigsten Quoten wurden dagegen in Bayern und Baden-Württemberg registriert.

Auf Ebene der Kommunen sind die Bewohner von Bremerhaven mit einer Schuldnerquote von 20,68 Prozent am häufigsten von ihren Schulden überfordert, gefolgt von Offenbach am Main mit 17,21 Prozent und Flensburg mit 16,94 Prozent. Vergleichsweise glücklich können sich dagegen die bayerischen Landkreise Eichstätt mit nur 4,16, Straubing-Bogen mit 5,07 und Regensburg mit 5,3 Prozent überschuldeter Bürger schätzen.

Grundmuster der Überschuldungskarrieren

Generell ist bei der Entstehungsgeschichte von Überschuldung zwischen zwei unterschiedlichen Grundvoraussetzungen zu unterscheiden: dem armuts- und dem wohlstandsbasierten Muster.

Die Betroffenen des Armutsmusters kommen in der Regel aus der so genannten Unterschicht. Sie haben niedrige Einkommen, sind arbeitslose oder nehmen Sozialleistungen nicht in Anspruch. Überschuldung entsteht hier um das tägliche Überleben zu sichern.

Auf der anderen Seite stehen die Wohlstands-Überschuldeten, die in allen Schichten zu finden sind. Ver- und Überschuldung entstehen hier durch überhöhten Konsum, meist gekoppelt mit mangelndem Finanzwissen und der Bereitschaft zur riskanten Kreditaufnahme. Diese als "Experimentalisten" bezeichnete Schuldnergruppe fällt durch ein hohes Lifestyle-Bedürfnis zur Unterstreichung der eigenen Individualität auf, heißt es in der Studie.

Ursache von Verschuldung seien vor allem Arbeitslosigkeit oder sehr niedrige Einkommen, häufig auch eine geschiedene Ehe oder eine gescheiterte Selbständigkeit, sagte Rödl. Vor diesem Hintergrund sei nicht mit einer schnellen Verbesserung der Lage zu rechnen. Die Schuldnerquote werde künftig eher noch steigen. "Überschuldung erreicht zunehmend die mittlere Schicht unserer Gesellschaft".